Griechenland zerstört seinen Individualhandel – und wir helfen kräftig mit!

Screenshot von Lidl Hellas, der auffällige Button unten rechts sagt: immer billig!

Vor einiger Zeit wurde ich im griechischen Urlaubsort in einer Runde aus Freunden und Bekannten gefragt, ob ich lieber bei Aldi oder Lidl einkaufe. Beide breiten sich zunehmend in Griechenland aus und übernehmen immer größere Teile des Handels auch in der Provinz. Mein wütender und heftiger Monolog darauf war hoffentlich ein kleines Stückchen Anregung für die Anwesenden, wenigstens noch einmal kurz nachzudenken, bevor sie das nächste Mal in eines der genannten Geschäfte eintreten…

Was in unseren Breitengraden schon vor Jahren weitgehend fortgeschritten war, ist in Griechenland eine ganz aktuelle Entwicklung: der heimtückische Meuchelmord am kleinen, spezialisierten Individualhandel durch die wenigen Großen, die sich krebsartig durch die Infrastruktur hindurchfressen, immer auf der Suche nach noch mehr Kunden, denen sie noch mehr schlechte Produkte zu unrealistischen Preisen aufzwingen können. Diese Geschwüre der Gesellschaft klatschen billige, dreckige und hässliche, überbeleuchtete und überklimatisierte Konsumtempel in die Landschaft, auf dass sie darin ein riesiges Sortiment an Produkten vorhalten, von denen der Kunde künftig glaubt, sie einkaufen zu müssen. Zeug, das nicht aus der jeweiligen Region stammt. Das unter unwürdigsten Verhältnissen produziert wurde. Egal, ob in einem Sweatshop in Bangladesch oder in einer Massentötungsmaschine der Fleischindustrie. Zeug, das vor Inhaltsstoffen nur so strotzt, die kaum jemand noch identifizieren, geschweige denn in ihrer verhehrenden Wirkung klassifizieren kann. Und nicht zuletzt Zeug, das mit hohem Aufwand aus Westeuropa importiert wird, um regionale Produkte zu unterbieten. Ha, bayerischer Joghurt in Griechenland!

Und das Ganze immer noch ein Stück billiger. Mit 25% Rabatt. Oder 30%. Oder 100g mehr gratis. Und ständig im Sonderangebot. Aus der Werbung. Jetzt oder nie!

Dort gehen die Menschen hin, dort kaufen sie ein. In dem Glauben, dass sie ständig ein Schnäppchen nach dem anderen machen. Und somit die Gewinner sind, die Schlauen, Cleveren, denen kein regionaler Kleinkrämer mehr etwas vormachen kann in seiner unverschämten Preisgestaltung! Sie genießen die vollen Regale, die ihnen all das bieten, das sie sich sonst mühsam in verschiedenen kleinen Geschäften zusammen gesucht haben. Hier ist alles zum Greifen nah. Jederzeit und im Überfluss.

Doch verkennen die Menschen, was sie sich selbst und allen anderen antun. Sie berauben sich der Vielfalt. Sie begeben sich in eine Art Geiselhaft, aus der sie nie wieder entfliehen können. Denn der Individualhandel stirbt. Einen grausamen Tod. Und der ist längst nicht mehr aufzuhalten. Und plötzlich merkt man, dass es den netten Gemüsefritzen um die Ecke, der morgens um 4 Uhr auf dem Feld stand, um die beste Ware für seine Kunden zu ernten, einfach nicht mehr gibt. Den brummigen Bäcker, der ab 6 Uhr morgens noch warme Brötchen in seine Auslage geschüttet hat. Den Schlachter, der den Bauernhof seines Vertrauens, von dem das Schweineschnitzel stammte, noch benennen konnte. Alle weg, überrollt von den Großen, denen es scheißegal ist, was sie wem verkaufen. Hauptsache, der Euro rollt.

So weit, so bekannt. Eigentlich ein alter Hut. Aber bitter dennoch, wenn man diese Entwicklung noch einmal live miterleben darf bzw. muss. Und in die begeisterten Gesichter der Menschen schaut, die sich ihre gewachsene Infrastruktur unter lautem Applaus einfach zerstören lassen.

Und die sich morgen und übermorgen plötzlich umschauen und feststellen, dass nicht nur die schlechten Waren billig sind, sondern auch die prekären Arbeitsplätze, die im Billighandel verfügbar sind. Und in die sie ihre Kinder schicken müssen, weil in ihrer Verantwortung und mit ihrem aktiven Zutun ein großer Teil der würdigen Jobs mit zerstört wurde!